Interessantes Glurns

Am letzten Urlaubstag haben wir nochmals Glurns besucht und eine Stadtführung mitgemacht. Die hat sich richtig gelohnt, denn der Guide hat mit viel Freude und Elan das Beste aus der Geschichte seiner Stadt erzählt. Also, Glurns hat noch seine Stadtmauer, weil…

Wer hat die Deutungshoheit im Vinschgau?

Aber erstmal von Anfang an. Der Vinschgau war damals - wie heute - begehrt. Der Fürst-Bischof von Chur (Schweiz) und der Fürst von Tirol kämpften um die Macht im Vinschgau.
Der First-Bischof baut zur Festigung seines Einflusses die Churburg bei Schlanders und lässt durch den feuchten Talboden eine Straße bauen. In gerader Linie, direkt von seinem „Eingangstal“ zu seiner Churburg.
Dieser direkte Zugang missfällt dem Fürsten von Tirol und er lässt auf dieser Straße zwei Tore errichten, verbindet sie mit einem Mauerviereck und nennt das so umzeunte Fleckchen Land Stadt Glurns.1
Der Bischof müsste nun durch die Stadt des Fürsten reisen um zu seiner Churburg zu gelangen. Sein Machtanspruch im Vinschgau hat damit einen Dämpfer bekommen.

Anregungen zum Stadtwachstum

Nun, ein Mauerviereck macht noch keine Stadt! Einwohner müssen Leben in die Stadt bringen. Der Fürst wirbt nun per Boten in aller Herren Länder und verspricht Steuervergünstigungen und freien Siedlungsgrund. Ein paar Patrizier siedeln sich an und eröffnen ihre Niederlassung. Ohne Kundschaft ist dies jedoch nur bedingt interessant. Aber auch dies ist kein Problem: Es gibt da ein paar Kniffe:

  • Zum einen baut der Fürst die Salzgewinnung in Hall aus und vergibt das Salzmonopol an Glurns.
  • Zum anderen vergibt er Glurns das Stapelrecht für alle Warenströme über den Reschenpass: Jeder Händler musste seine Waren, die er über den Reschenpass bringt, in Glurns niederlegen un zum Verkauf feilbieten. (Und sicherlich für den belegten Marktplatz eine Gebühr zahlen; Und in Glurns übernachten; Und etwas Essen…)
  • Zumdem bekommt Glurns das Recht einen 10-tägigen Jahrmarkt abzuhalten. Der Fürst verfügt, dass dieser zeitlich vor dem Schneefall stattfinden soll. Und damit vor dem 10-tägigen Jahrmarkt in - wer kann’s erraten - Chur! Die Händler nehmen diesen neuen Markt gerne an. Er erspart ihnen einen mühsame Reise bei Schnee über das Stilfser Joch. Der Markt in Chur verliert rapide an Bedeutung.
  • Ach ja, Glurns hatte auch die Hohe Gerichtsbarkeit.

An Glurns ist also damals niemand vorbeigekommen. Und das Bollwerk gegen die Schweizer florierte.

Es bleibt dennoch beschaulich.

Die Stadt floriert, bricht aber nicht aus allen Nähten. Wie kann das sein? Waren die Mauersteine verflucht, so dass niemand sie zum Hausbau verwenden wollte? War der Stadtmauerring nicht zu eng?
Ich kann die korrekten zeitlichen Zusammenhänge nicht wiedergeben, aber ich versuche mein Bestes. Im Grunde läuft es aber auf die ganz große Politik hinaus.

Jetzt die Gründe, in sicherlich falscher historischer Reihenfolge, wegen denen Glurns dennoch beschaulich ist und einen kompletten Stadtmauerring hat.
Die Habsburger verlagern ihr Wirken in Richtung Ungarn, weg vom Vinschgau. Über den Brennerpass kommen die Warenströme von Venedig direkter nach Augsburg; Der Vinschgau, und damit Glurns, bleibt - bildlich gesprochen - links liegen. Die Händler ziehen weg, die Bevölkerung verarmt und eine Gentrifizierung tritt ein. Glurns brennt auch mal total nieder bzw. wird durch einen Murenabgang zerstört. Es wird als Bollwerk gegen die Schweizer wiederaufgebaut. Glurns-Dorf (die heutige Oberstadt) und Glurns-Stadt (die heutige Unterstadt) werden großzügig umstadtmauert und die Stadt hat Platz zum Atmen.
Die Stadtmauer wird nach allen Regeln der damiligen Kunst geplant und errichtet: Sie soll Belagerungen standhalten. Die Verteidigung wird hauptsächlich von Armbrustschützen gesichert. Interessantes Detail: Im Westen — gedachte Haupteinfallsrichtung der Schweizer — gibt es kein Tor. Kaum ist die Stadtmauer fast fertiggestellt, merken die Verantwortlichen, dass nun Hakenbüchsen (die Vorläufer der Gewehre) statt Armbrüste Stand der Wehrtechnik sind. Die Schießscharten werden also verkleinert und befestigt. Kaum ist der Umbau fertig, fällt den Verantwortlichen auf, dass die aktuelle Kriegstaktik auf Erstürmung und nicht mehr auf Belagerung setzt. Dafür ist die Stadtmauer aber nicht konzipiert. Den Habsburgern ist das richtig peinlich. So viel Geld, Zeit und Mannkraft ist in eine unnütze Stadtmauer versenkt worden. Das darf nicht sein! Die Habsburger beschließen den Vinschgau aus allen kriegerischen Dingen herauszuhalten und Glurns wird nicht einmal angegriffen. Zudem tun sie so, als ob die Stadtmauer genau richtig ist und lassen sie peu a peu fertig bauen. Nur nichts anmerken lassen! :-)

Fin

Es mischt sich nun über die Zeit eine verarmte Bevölkerung, viel Platz innerhalb der Stadtmauern und ein Nichtangriffspakt. Glurns kann innerhalb seiner Mauern wachsen und Baumaterial nimmt man von den nahen Bergen und der Etsch und lässt die Mauer stehen. tada

Der Guide hat’s schöner erklärt. Fahrt hin und macht die Stadtführung mit!

  1. Nebendran gab’s noch das Dorf Glurns, die heutige Oberstadt.